Der Vergleich ist der Liebe Tod

Der Vergleich ist der Liebe Tod

Sich zu vergleichen oder verglichen zu werden ist ein völlig normaler soziologischer Reflex, um die Konformität mit einer bestehenden Sozialstruktur oder Leistung zu gewährleisten, Unterschiede zu erkennen und anschließend nach einer Analyse, wenn nötig, Veränderungen in Betracht zu ziehen.

Heute geschieht dies auf gesunder, förderlicher Ebene in aller Regel zum Beispiel anhand von Vorbildern – die übrigens ausschließlich intrinsisch gewählt sein müssen, um wirksam zu sein –, um sich orientieren und weiterzuentwickeln, um eine höhere Stufe in der Selbstwirksamkeit und im Sein zu erreichen.

Der Vergleich zwischen Menschen untereinander also natürlich und erst einmal per se nicht schlecht, wenn dies eben auf einer reflektierten Ebene geschieht – wie zum Beispiel bei Vorbildern. Nicht das Vergleichen und die Erkenntnis des Unterschiedes ist also das Problem. Die negative Energie des Vergleichens entsteht immer dann, wenn der Verglichene zum Objekt der Erwartungen Anderer gemacht wird. Das bedeutet: wenn er verglichen wird und das Ergebnis als Vorwurf hingehalten wird. Denn man hat immer nur selbst Vorbilder, ein Vorbild jemand anderem zuzuordnen, der das nicht intrinsisch will und keine Möglichkeit geboten bekommt, sich davon zu emanzipieren, ist psychische Gewalt, die man dem anderen antut: „Schau mal, wie das XY macht, warum kannst Du das nicht?“ oder „Kollege YX ist leistungsfähiger als Sie, nehmen Sie sich mal ein Beispiel daran!“ oder "Sie sind der Loser der Abteilung hier!".

Man kann selbst aber sich auch in die Ecke drängen, indem man sich nicht mehr als Subjekt mit eigenen individuellen Fähigkeiten sieht, sondern sich auch selbst zum Objekt seiner Erwartungen macht. Und die eigene Unzulänglichkeit anprangert, Druck aufbaut, Schuldgefühle entwickelt, sich selbst nicht mehr genügt und es anderen unbedingt rechtmachen will, von denen man glaubt, sie hegen ganz bestimmte Erwartungen – ohne dass diese jemals klar geäussert werden. Dann rast man auf dem ICE der schlechten Stimmung ganz schnell in die psychischen Probleme. Und kann dann zerbrechen. In aller Regel gibt es in solchen Fällen jedoch schon eine Prädisposition aus der Kindheit.

Wie dramatisch, wenn Eltern zum Beispiel auch nur beiläufig völlig unempathisch fallen lassen, dass ein anderes Kind aber dies oder jenes besser macht. Kindern gegenüber, die ein so feines Gespür für Beziehung und so empfindliche Antennen für elterliche Bedürfnisse haben und Gefühle so schnell erfassen können. Was meinen Sie, was es mit den Kindern macht, wenn man sie als unfähig brandmarkt! Unfähig zeigen sich hier nur die Eltern, die ihre Reflexionsfähigkeit und Empathie zu verloren scheinen haben.

Was lernt ein Kind aus diesem Handeln, aus dieser Ansprache? Nicht, dass es stark ist, die Lösung seiner Aufgaben in sich trägt und das Potential zu mehr hat – es lernt, dass Andere besser sind, dass es den Eltern nicht genügt, dass es nicht um seiner Selbst willen geliebt wird. Es lernt, in Konkurrenz zu anderen zu stehen. Anstatt Nächstenliebe lernt es Eifersucht. Viel schlimmer: es lernt, dass die Liebe der Eltern endlich ist. Eine Katastrophe! Der Philosoph Sören Kierkegaard hat einmal geschrieben „Der Vergleich ist das Ende der Liebe und der Anfang der Unzufriedenheit.“ Das Kind in seiner bedingungslosen Liebe und seinem Wunsch, ebenfalls bedingungslos geliebt zu werden, fängt an zu kämpfen. Leiste oder Du wirst nicht geliebt! Ein Kampf, den es unweigerlich verlieren wird. Wie viel ist dabei schon für das spätere Leben verbaut und zerstört worden!

Im Vergleich wird uns ein Spiegel vorgehalten, der nicht das zeigt, was und wer wir tatsächlich sind und was wir zu leisten imstande sind, sondern wie wir zu sein haben um die Bedürfnisse anderer zu befriedigen! Uns also unsere ganz eigenes Selbst zum Vorwurf macht! Warum tun wir uns und uns gegenseitig das immer wieder an…

Ganz vorn dabei als mächtiger Spiegel sind übrigens die sozialen Medien. Untersuchungen haben bereits bewiesen, dass die Teilhabe an sozialen Medien durchaus auch zu Depressionen und suizidalen Tendenzen führen kann (Scherr 2015). Hier werden uns vor allem Glück, Erfolg und die schönen Seiten des Lebens aufs genaueste gefiltert und subtil (oder auch ganz offen) angeberisch präsentiert. Und wir fangen an, unser Leben mit dem der anderen zu vergleichen. Das uns damit so präsentierte Spiegelbild ist fatalerweise dann nicht das Bild unseres Selbst und unseres Lebens, das so ist wie es eben ist. Es ist ein Zerrbild der Begierden, Erwartungen, Wünsche und unseres Verlangens nach mehr Glück. Und es übertönt mit Vorwürfen, Neid und Missgunst unsere Liebe sich selbst und anderen Menschen gegenüber. Es begräbt die Zufriedenheit unter einem Berg von Konjunktiven: „Könnte ich doch, hätte ich doch, würde ich doch…“.

Selbstliebe? Fehlanzeige!

Lassen Sie es uns anders machen! Geben wir Vertrauen statt zu vergleichen! Wieviel schöner ist es zu sagen: das schaffst Du, ich glaube an Dich! Anstatt: schau mal, was der Andere geschafft hat und Du nicht. Halten wir inne, wenn wir merken, dass wir negativ vergleichen wollen und besinnen wir uns auf uns selbst. Wollen wir uns und andere wirklich so unwürdig behandeln und unsere Subjektivität, unser naturgegebenes Sein und unsere eigene Handlungsfähigkeit so infrage stellen, dass wir sogar bereit sind, die Beziehung zu uns selbst und zu anderen zu zerstören? Ich glaube nicht. Wir müssen weiß Gott genug Leid in unserem Leben tragen, sich willentlich noch die Bürde der Missgunst, des Neids und der Eifersucht auf uns selbst und andere aufzuladen, ist wahrlich unwürdig.

Handeln wir in der Bewusstheit, wie wir selbst gerne behandelt werden wollen. Werden wir uns bewusst: wir sind, wie wir sind, wir haben das, was uns gegeben wurde, es ist, wie es ist.

Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Karl Michael Schölz